BVR-Roßdorf e.V

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Leserbriefe

Gedruckte und nicht gedruckte Leserbriefe zum Kommentar „Das wahre Gesicht“


Vorwort

Für den Vorstand der Bürgervereinigung Roßdorf e.V., Erika Czuday

Nicht jeder Roßdorfer, nicht jede Roßdorferin hat die Nürtinger Zeitung abonniert, aber viele haben vom Kommentar des Matthäus Klemke gehört, der am 30. Juni zum Treffen der Roßdorfer mit der Spitze der Verwaltung in der Nürtinger Zeitung stand.

Viele Roßdorfer konnten kaum fassen, was sie da lesen mussten, sie fühlten sich diffamiert. Einige haben Leserbriefe geschrieben. Diese wollen wir mit dem Einverständnis der Schreiber hier veröffentlichen, damit viele die Möglichkeit haben, sich auch außerhalb der Nürtinger Zeitung zu informieren. Wir stellen sie in der Form ein, wie sie von den Schreibern an die Nürtinger Zeitung geschickt wurden.

Ich hoffe, die Roßdorferinnen verzeihen mir, daß ich der Einfachheit halber die weibliche Form weggelassen habe.


Der umstrittene Kommentar

NTZ vom 30.06.2016 von Matthias Klemke

Es ist beschlossene Sache: Auf der Nanzwiese im Roßdorf werden Wohncontainer für Flüchtlinge gebaut. Nach monatelangem Tauziehen zwischen Roßdorfern und Stadtverwaltung um das kleine Fleckchen Grün im Roßdorf hat die Stadtverwaltung ihren Willen durchgesetzt. Gut so!

Dass sich viele Roßdorfer noch immer nicht mit dem Gedanken an eine Flüchtlingsunterkunft gleich nebenan anfreunden wollen, wurde bei der Informationsveranstaltung am Montagabend im Roßdorfer Gemeinschaftshaus, über die wir in unsere Mittwochsausgabe berichteten, deutlich.

Und was haben die Unterkunft-Gegner nicht alles versucht: In Leserbriefen wurde die Nanzwiese zum heiligen Rasen erklärt, Flugblätter wurden verteilt, und im Netz versuchte man, die Nürtinger Bürger für die eigene Argumentation zu gewinnen. Mit der Hochspannungsleitung, die über der Nanzwiese verläuft, schien man ein gutes Argument zu haben: Wie könne man die armen Flüchtlinge nur den gefährlichen elektromagnetischen Strahlungen aussetzen, hieß es.

Nachdem eine Untersuchung des TÜV Südwest die Einhaltung der Grenzwerte bestätigt hatte, schienen die Gegner ihres wichtigsten Arguments beraubt zu sein, und so zeigte sich am Montagabend das wahre Gesicht derjenigen Roßdorfer Bürger, die ach so besorgt sind. Nicht um die Gesundheit der Hilfesuchenden sorgt man sich, sondern um die eigene Sicherheit. Die Flüchtlinge seien laut, dreckig, prügeln und belästigten Frauen, war am Montag von manchen Roßdorfern zu hören. Dieses Menschenbild scheint sich beschämenderweise bei vielen verfestigt zu haben. Eingestuft wird das von offizieller Seite und von diversen Internetaktivisten oft unter dem Oberbegriff „Ängste“ – Ängste von Bürgern, die man ernst nehmen müsse. So macht man es sich einfach. Dabei sollte man das Kind doch endlich beim Namen nennen: Das sind keine Ängste, sondern rassistische Vorurteile! Umso wichtiger ist es, dass die Stadt ihre Pläne zum Bau der Wohncontainer durchgesetzt hat, auch gegen den Willen vieler Anwohner.

Natürlich sind Vorurteile nicht nur ein spezifisches Roßdorfer Problem, und natürlich darf man auch nicht alle Roßdorfer in einen Topf werfen. Aber gerade hier, wo viele Familiengeschichten selbst von Vertreibung und Flucht geprägt sind, sollte man doch auf Verständnis für die Lage der Flüchtlinge hoffen dürfen. Es ist schon sehr befremdlich, wenn sich jemand mit so einer Lebensgeschichte gegen die Unterbringung von Ausländern ausspricht.

Erschreckenderweise schienen es am Montag vor allem die älteren Anwohner zu sein, die keine Flüchtlinge in ihrer vermeintlichen Roßdorf-Idylle haben wollen. Man kann nur hoffen, dass die jungen Roßdorfer einen anderen Zugang zu ihren neuen Nachbarn finden und erkennen, dass es sich nicht um Menschen handelt, die ihnen etwas Schlechtes wollen, sondern um Menschen, die nach einer oftmals langen und gefährlichen Flucht hoffen, hier endlich zur Ruhe zu kommen, so wie die Großeltern vieler jungen Leute aus dem Roßdorf zuvor.


Leserbrief

von Charlotte Müller

Die Nürtinger Zeitung hat es geschafft, mir am frühen Morgen die Zornesröte ins Gesicht zu treiben. War der Herr Klemke eigentlich bei der Informationsveranstaltung am Montag persönlich anwesend? Weshalb versäumt er es, darauf hinzuweisen, in welch entspannter Atmosphäre der Abend verlaufen ist. Mit seinem Kommentar stellt er uns Roßdorfer unter den Generalverdacht “rassistische Vorurteile” zu haben, wenn wir etwas gegen die Bebauung der Nanzwiese einwenden.

Endlich hat man uns informiert, wie die ganze Aktion ablaufen soll und den Unterschied zwischen Erstbelegung und Anschlussunterbringung erklärt. Diese Informationsveranstaltung war schon lange überfällig!

Die im Vorfeld kursierenden Flugblätter und Ähnliches stammten ganz gewiss nicht von besorgten Roßdorfern, sondern meiner Meinung nach von Unruhestiftern, wie sie leider immer öfter auf den Plan treten. Und der Kommentar des Herrn Klemke trägt auch dazu bei. Warum verschweigt er es, dass in der Versammlung zu der Initiative „friedlich miteinander leben“ aufgerufen wurde, dass die Pfarrerin, Frau Matausch großen Beifall für ihre Ausführungen über „das wahre Gesicht“ der Roßdorfer erhielt?

Ich persönlich finde es schade, dass die grüne Oase zwischen Hochhaus und Stephanushaus zerstört wird, aber da die Stadt etwas langsam ist bei der Beschaffung bezahlbarem Wohnraum und die Menschen nun mal da sind, muss ich mich mit der Zwischenlösung anfreunden und hoffe auf gute Nachbarschaft.

Leserbrief

von Erika Czuday

Der Kommentar Ihres Mitarbeiters Matthäus Klemke ist die größte Unverschämtheit, die ich in der Nürtinger Zeitung je gelesen habe, er ist ein Schlag ins Gesicht all derer, die sich um Integration der bisher im Roßdorf wohnenden Flüchtlinge bemühen und bisher bemüht haben. Er ist billige Polemik aus der untersten Schublade, der Versuch, das Roßdorf als braunen Sumpf darzustellen.

Ich bin wütend, fassungslos, dass Sie so etwas überhaupt drucken und stelle es auf eine Stufe mit den Pamphleten, die leider Gottes in letzter Zeit im Roßdorf immer wieder kreisen. Ist das das wahre Gesicht der Nürtinger Zeitung?????

Die Veranstaltung der Stadtspitze am letzen Montag war längst überfällig und ist in absolut geordneten Bahnen verlaufen. Es wurden Ängste angesprochen, die es nicht nur im Roßdorf gibt, Ängste, die aufgrund der Vorkommnisse an Silvester in Köln geweckt wurden, aber nie von den zuständigen Stellen angehört oder nur abgewiegelt wurden. Ich teile diese Ängste nicht unbedingt, trotzdem fühle ich mich nicht ganz wohl dabei, daß 40 junge Männer vor meiner Haustür ihr Quartier bekommen. Es ginge mir aber mindestens genauso, wenn diese jungen Männer Deutsche wären!

Ja, es gibt im Roßdorf bestimmt einige Gegner der Flüchtlingsunterbringung, aber die Bewohner der Kernstadt haben einen Heiligenschein, da gibt es solche Menschen nicht. Das war Ironie, falls das jemand nicht verstehen sollte.

Das größte Problem ist aber nach wie vor die Hochspannungsleitung. Gesundheitliche Gefährdungen sind nicht auszuschließen. Und es ist immer noch menschenverachtend, dort die Menschen einzuquartieren, die keine andere Wahl haben. Der Kommentator soll doch unter die Hochspannungsleitung ziehen, wenn er meint, es sei absolut unbedenklich. Aber aus der sicheren Entfernung läßt sich gut Polemik machen.

Normalerweise bin ich ein friedlicher Mensch und kann unterschiedliche Meinungen nebeneinander stehen lassen, aber hier fällt mir nichts mehr ein. Nebenbei, ich habe meine Wohnung an die Stadt vermietet und dort wohnt inzwischen eine syrische Familie, mitten im Liebermann!

Leserbrief

von Lydia Hofstadt

Dieser Artikel ist ein Affront für die Roßdorfer Bürger.

Das Roßdorf ist der dicht besiedelste Stadtteil von Nürtingen. Durch die Hochhausbauweise wohnen viele Menschen auf engstem Raum zusammen, deshalb sind die großzügigen Grünflächen (wie es Frau Althoff in ihrem Leserbrief ausdrückte) dringend erforderlich. Nun hat die Nürtinger Obrigkeit bestimmt, dass auf der Nanzwiese Container für Flüchtlinge aufgebaut werden, vorgesehen für 40 junge Männer, zunächst für 3 Jahre (das kann man glauben, oder auch nicht). Dabei ist die Stadtverwaltung den Weg des geringsten Widerstands gegangen, denn es ist unglaubhaft, dass man in anderen Stadtteilen wie dem Enzenhardt, in der Braike, am Lerchenberg oder Steinenberg u.s.w keine 520 qm freie Fläche gefunden hätte.

Als das Roßdorf Ende der 60er entstand, haben dort viele Menschen – Vertriebene und Aussiedler – Wohnraum gefunden und inzwischen ist es zu ihrer Heimat geworden. Von 1973 bis 1983 habe ich mit meiner Familie in der Hans-Möhrle-Str. 13 gewohnt. Trotz des schlechten Rufes, der diesem Stadtteil anhaftete, haben wir eine schöne Zeit erlebt. Wir hatten uns gut integriert, es gab damals nur wenige Schwaben im Roßdorf. Die Menschen, aus vielen Ländern vertrieben, haben zusammengefunden, weil sie die gleiche Sprache, zwar in verschiedenen Dialekten sprachen, aus den gleichen Kulturkreisen kamen und der gleichen Religion angehörten. Viele hatten Schlimmes erlebt und durchgemacht. Das Wort traumatisiert, das heute oft für Flüchtlinge gebraucht wird, kannte man damals nicht und entsprechende Hilfe wurde deshalb auch nicht gestellt. Es gab einen Zusammenhalt, der bis heute anhält und es wurde vieles ins Leben gerufen wie z.B. den Brückenschlag, ältere Menschen treffen sich monatlich zu einem Ausflug in die Umgebung,  man hat gemeinsam eine Kleingartenanlage gebaut, jeden Mittwoch kann man sich zum gemeinsamen Mittagessen im Gemeinschaftshaus treffen, es gibt Spielabende und vieles mehr.

Es ist keinesfalls eine vermeintliche Idylle, es ist eine Idylle. Die Roßdorfer sind keinesfalls fremdenfeindliche Egoisten. Und was die Flüchtlinge angeht, so möchte ich es als feige bezeichnen, wenn man seine Familie ihrem Schicksal überlässt, nur um seine eigene Haut zu retten oder sich ein bessere Leben erhofft. Ich bin der gleichen Meinung wie Herr Riemer aus Oberbohingen der schreibt, dass es nicht angehen kann, dass unsere Soldaten für die Sicherheit der zurückgelassen Bevölkerung sorgen und beim Wiederaufbau helfen. Dabei könnte sich ja der junge Herr Klimke einbringen und sich beweisen. Noch anmerken möchte ich, dass wir in den zehn Jahren, die wir in dem Hochhaus mit 20 Familien zusammen gelebt hatten, kein einziges mal eine Streiterei erlebt hatten, auch nicht in der Kleingartenanlage obwohl es damals keine Zäune gab.

Leserbrief

von Rüdiger Haase

Ich finde, das diesen Artikel „das wahre Gesicht“ über die gesamte Länge den Inhalt, den Ablauf dieser Info-Veranstaltung zur Unterbringung von 40 anerkannten Flüchtlingen im Rossdorf–Nanzwiese unvollständig und nicht wahrheitsgemäß dargestellt.

Wenn die Hochspannungsleitung so unbedeutend wäre, hätte man sich nicht von seitens der Stadtverwaltung und der Gemeinderäte für eine auf 3 Jahre befristete Containerlösung entschieden. Herr Klemke vermischt die berechtigten Einwände unter der Hochspannungsleitung zu Wohnen mit div. Flugblattschreibern, von denen wir uns alle vehement distanzieren.

Außerdem werden berechtigte Anfragen von Bürgern zu Sicherheitsfragen als Vorwand die Flüchtlinge nicht haben zu wollen, verdreht interpretiert. Wenn nachzulesen, Herr Klemke über rassistische Vorurteile Roßdorf Bürger schreibt, nur weil max. 3 Bürger um die Beantwortung von Sicherheitsfragen bittet, da ja div. Ausschreitungen von Flüchtlingen bekannt sind, muss ich mich schon sehr wundern. Herr Klemke sollte sich ernsthaft über den Charakter von Rassismus und der Verbreitung in der gesamten Welt Gedanken machen und die Menschen im Rossdorf außen vor lassen.

Wir im Rossdorf haben Integration in den vergangenen Jahren lebensnah unter Beweis gestellt. Etwas Positives kann der Berichterstatter von dieser doch Interessanten Veranstaltung nach meinem Empfinden nicht abgewinnen. Ich muss sogar bezweifeln, dass er anwesend war, denn sonst hätte er über die Ausführungen unserer ev. Pfarrerin Frau Mattausch und von Frau Link ins Leben gerufenen „INITIATIVE“ für
die Flüchtlinge etwas berichtet. Das wär doch eine gute Gelegenheit gewesen das Rossdorf und seine Einwohner in einem Guten Licht darzustellen, stattdessen die 3900 Einwohner zu brüskieren und einige
als Rassisten zu bezeichnen.

Wie man Freunde gewinnt

von Willi Papenheim

Sehr geehrte Damen und Herren der NTZ – Redaktion,

Herrn Klemke gebührt die zweifelhafte Ehre die unsachlichste und provozierendste Kommentarspalte fabriziert zu haben seit ich die NTZ lese.

Offensichtlich hat er so gar nicht verstanden warum die Nanzwiese der absolut falsche Standort für eine Flüchtlingsunterkunft ist. Der Verwaltung und dem Gemeinderat ist bekannt, dass es sowohl im Roßdorf als auch in anderen Nürtinger–Stadtteilen geeignetere Lösungen gegeben hätte.

Die Nanzwiese war wohl die bequemste!! Für Herrn Klemke war es umso wichtiger, dass die Stadt ihre Pläne gegen den Willen der Roßdorfer durchgesetzt hat.

Man muss sich schon fragen: In welcher Autokratie ist der denn aufgewachsen? In der sogenannten „Bürgerorientierten Stadt Nürtingen“ wiederum fällt nicht zum ersten Mal auf, dass bei unangenehmen Zuteilungen das Roßdorf immer eine erste Adresse ist. Bei unserem Oberbürgermeister hat H. Klemke sicher beachtliche Pluspunkte gesammelt. Ob sein provozierender Schreibstil für seine journalistische-Karriere förderlich ist, darf jedoch bezweifelt werden.

Leserbrief

von Ragini Wahl

Anscheinend hat sich laut Kommentar von Herrn Klemke auf der Bürgerversammlung am 27. Juni das Roßdorf mit seinem „wahren Gesicht“ gezeigt. Bei dieser Veranstaltung konnte ich nicht dabei sein, weil ich zu der Zeit in Norddeutschland unterwegs war. Allerdings verwahre ich mich entschieden dagegen, wenn auch ich als Bewohnerin des Roßdorfs in eine rechtsradikale Ecke gestellt werde. Dafür habe ich in fast 30 Jahren Asylarbeit zu viele Erfahrungen gesammelt und zu viele Hiebe einstecken müssen. Ich erinnere mich noch an Zeiten, als es selbst in gut bürgerlichen Kreisen alles andere als „opportun“ galt, sich für „die Asylanten“ einzusetzen.

Ich unterstütze jetzt ausdrücklich das Engagement von Reinmar Wipper, wenn er kritisch (nach dem griechischen Ursprung heißt dies „unterscheiden“) und kompetent darauf verweist, dass es nicht gegen Flüchtlinge im Roßdorf gehen kann und darf, sondern gegen die Bebauung der Nanzwiese unter der Starkstromleitung. Dies sollten auch die Vertreter in der Redaktion der Nürtinger Zeitung zur Kenntnis nehmen, wenn sie sogar  meinen, auf ihre 58-jährige Berufserfahrung verweisen zu müssen! Mit etwas mehr professioneller Souveränität dürfte es ja ohne Weiteres möglich sein, das Spektrum der Wahrnehmung über Schwarz und Weiß hinaus zu erweitern.

Leserbrief

von Reinmar Wipper

Matthäus Klemke, jung und Kenner der Sorgen von Flüchtlingen und Vertriebenen, meint den Lesern die Augen öffnen zu können: Die Ängste der Roßdorfer sind getarnter Rassismus. Nebenbei verwechselt er Aussiedler mit Flüchtlingen. Vom Roßdorf weiß der Redakteur in spe leider wenig mehr als das, was er in Fachkreisen so hört: die Ablehnung der Nanzwiesen-Bebauung sei Besitzdenken und getarnte Fremdenfeindlichkeit der Nanzwiesler. Derart munitioniert, verschießt Herr Klemke eine Breitseite nach der anderen. Als Welterklärer ist er aber nicht nur unter seinesgleichen in bester Gesellschaft. Auch im Rathaus denkt man wie er, und unterm Dach knallen die Sektkorken.

Nochmals, zum Mitschreiben: Es gibt im Roßdorf nicht mehr Fremdenfeindlichkeit als in anderen Stadtteilen und Städten. Zwölf geflüchtete Familien wohnen bereits hier. Die mir nächste nur fünf Meter entfernt von meinem Schreibtisch. Abgelehnt wird nicht der Zuzug sondern der strittige Standort einer Container-Insel. Herr Klemke ist großzügig, steckt nicht „alle Roßdorfer in einen Sack“. Er reißt uns jedoch die Maske der Heuchler vom Gesicht. „Das wahre Gesicht“ eines Stadtteils, so titelt er. Hier hüten fremdenfeindliche Egoisten „ihr vermeintliches Roßdorf-Idyll“ als Insel der Unseligen wie Kleingärtner ihre Parzelle.

Im Gegensatz zu Herrn Klemke sind erfahrene Journalisten seriös, nicht zu schade für Recherchen, vor-Ort-Gespräche und persönlichen Augenschein. Zwei unter ihnen waren tagelang mit Fotografen im Roßdorf, haben alles angeschaut und mit zig Menschen geredet. Klemke hingegen wird erstmalig ins Roßdorf beordert, kommt mit Tunnelblick, hört nur das, was er hören will. Und kriegt nicht mal mit, wieviele Etagen der Containerbau haben soll. Das führt dann auch zu einer Richtigstellung durch die Stadtverwaltung, direkt unter seinem großspurigen Kommentar. Dem Lehrling ins Stammbuch: „Was siehts du aber das Brett vor deines Bruders Kopf, und wirst nicht gewahr des Bretterverschlags um dich her?“ (frei nach Matthäus, 7,3).

Leserbrief

von Rosemarie Bernutz

War die Berichterstattung am 29.06.16 über die Info-Veranstaltung zur Anschlußunterbringung von Flüchtlingen in Containern unter einer 380 kV-Hochspannungsleitung auf der Nanzwiese noch relativ sachlich, ist der Kommentar „Das wahre Gesicht“ Polemik aus der niedersten Schublade. Er ist an Gehässigkeit und Schadenfreude kaum noch zu überbieten: „Im Roßdorf hat die Stadtverwaltung ihren Willen durchgesetzt. Gut so!“ Hier zeigt Herr Klemke sein wahres Gesicht. Mehr solche Redakteure – und man kann das Abonnement nur noch abbestellen.

Was hat die Nürtinger Zeitung eigentlich gegen das Roßdorf? Ich lebe seit sieben Jahren in diesem Nürtinger Stadtteil und ich habe in meinem langen Leben bisher noch nicht oft so viel politisches und soziales Engagement, so viel Hilfsbereitschaft erlebt wie hier. Von den Roßdorfern sind die wenigsten „Eingeborene“. Es handelt sich um ein bunt zusammengewürfeltes Völkchen, das friedliches Miteinander und Integration von vielen ausländischen Mitbürgern geschafft hat und praktiziert.

Die abwertend als „kleines Fleckchen Grün“ bezeichnete Nanzwiese war als Ausgleich für die Hochausbebauung gedacht und ist zum zentralen Mittelpunkt, nur Naherholung für viele geworden. Und nicht zu vergessen: Das Roßdorf ist der am dichtesten besiedelte Teil Nürtingens. Ich kann mich auf keinen Leserbrief besinnen – und ich habe die Briefe zu Bebauung der Nanzwiese aufmerksam verfolgt – in dem die Nanzwiese zum „heiligen Rasen“ erklärt wurde. Soviel Häme ist unangebracht!

Ich verwahre mich aufs Schärfste gegen die Unterstellung, dass es „den ach so besorgten“ Roßdorfer Bürgern nicht um die Gesundheit der Hilfesuchenden gehe, sondern nur um die eigene Sicherheit. Es ist nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht eines jeden Bürgers, für die eigene Sicherheit zu sorgen. Herr Klemke braucht sich nicht für die Roßdorfer zu schämen, die sich zu ihren Ängsten bekennen – wohl wissend, dass sie damit verlogene Beschwichtigungen auf den Plan rufen – es reicht wenn ich wegen dieses Kommentars für sich selbst schämt. Es wäre angebracht, dass gewählte Politiker sich um Wohl und Wehe ihrer Wähler kümmern, hinhören und die vorhanden Ängste ernst nehmen – auch wenn sie sie für irrational halten.

Die Pauschalverurteilung der älteren Anwohner – zu denen ich mich inzwischen auch zählen muss – ist eine Unverfrorenheit wie sie ihres Gleichen sucht. Es geht nicht darum, dass sie keine Flüchtlinge in ihrer „vermeintlichen Roßdorf-Idylle“ haben wollen, sondern um das Zupflastern der Nanzwiese mit Containern.

Leserbrief

von Detlef Walser

Reporter Klemke von der Nürtinger Zeitung (Nürtinger Tagblatt – Amtsblatt für die Stadt Nürtingen – Unabhängige Tageszeitung) und die Stadtverwaltung erwarteten im abgeriegelten Gemeinschaftshaus offenbar Randale im Roßdorf. War aber nix.

Bei der Informationsveranstaltung wurde informiert. Was die Stadt insgesamt und speziell im Roßdorf an Anschlussunterbringung unwiderruflich (!!!) beschlossen hat. Die sachlichen Einwendungen bzgl. Hochspannungsleitungen wurden vom Gemeinderat in keinem Beschluss berücksichtigt. Statt dreistöckigem festem Bau nun Container für 3 Jahre – und deren Schlafbereich möglichst weit weg von der Leitung. Weshalb das, wenn keine Gefahr? Hat Herr Klemke das überhört?

Ich habe 5 Stühle links von ihm die Verantwortlichen zum x-ten Mal darauf hingewiesen, dass Menschen von „Bomben auf den Kopf“ nun zu „Strahlen im Kopf“ verdonnert werden und dies moralisch höchst verwerflich ist. Ein Bürger fragte, ob die Leute das Wohnen im Container ablehnen können. Die Stadt verneinte rigoros – der Wohnplatz wird zugewiesen und basta. Keiner von der Stadtverwaltung würde dort bauen oder einziehen (habe den Einen oder Anderen persönlich oder per Mail gefragt). Aber mit hilfsbedürftigen Menschen kann man das ja machen. Herr Klemke weiß das nicht und auch nicht, dass der auf zwei Etagen reduzierte Bau zunächst für 60 Einkommensschwache, wie z.B. Wohnsitzlose oder alleinerziehende Mütter, geplant war? An denen ist der Kelch vorbei, Gott sei Dank! Aber 40 männlichen Flüchtlingen kann man das schon zumuten!

Was erwartete Herr Klemke? Life-Material von pöbelnden Roßdorfern? Weit gefehlt. Nichts los. Der Polizeichef gibt dem Roßdorf beste Noten weil niedrigste Kriminalität und seit Jahren gute Integrationsarbeit im Roßdorf, 12 Familien sind zur Anschlussunterbringung bereits in Wohnungen, BVR und Lenkungskreis sucht Weitere, ein Integrationsarbeitskreis wird gegründet u.s.w.
Nichts davon im Kommentar. Nur Haudrauf und Überheblichkeit.

Leserbrief

von Waltraut Welser

Die Berichterstattung über die Info-Veranstaltung zur Anschlussunterbringung von Flüchtlingen in Containern unter einer 380 kV-Hochspannungsleitung auf der Nanzwiese fand ich noch relativ sachlich.
Den Kommentar „Das wahre Gesicht“ konnte ich fast nicht ertragen. Was da an Gehässigkeit auf uns Roßdorfer regelrecht geworfen wurde, ist kaum noch zu überbieten.

Wir im Roßdorf haben uns bemüht Wohnungen zu requirieren, damit das Wohnen als Integration gelingt und nicht Menschen unter dieser gesundheitsgefährdenden 380 kV-Hochspannungsleitung auf der Nanzwiese leben müssen.

Nicht das Roßdorf hat sein wahres Gesicht gezeigt, sondern Herr Klemke mit seinem Kommentar und seinen Worten „Gut so…!“ und damit auch die Nürtinger Zeitung. Meine Familie lebt seit 1973 in diesem Nürtinger Stadtteil und wir haben uns an vielen Stellen eingebracht. Wir haben noch keinen Tag bereut, hierher gezogen zu sein.

Wir im Roßdorf haben Integration in den vergangenen Jahren lebensnah unter Beweis gestellt. Wir haben gelernt mit unterschiedlichen ausländischen Mitbürgern zusammenzuleben. Hier im Roßdorf sind die wenigsten Bewohner „Hiesige“.

Die abwertend als „kleines Fleckchen Grün“ bezeichnete Nanzwiese war als Ausgleich für die Hochhäuser und die dichte Bebauung an dieser Stelle gedacht. Das Roßdorf ist übrigens der am dichtesten besiedelte Teil Nürtingens. Es ist unverschämt zu behaupten, dass es „den ach so besorgten“ Roßdorfer Bürgern nicht um die Gesundheit der Hilfesuchenden gehe, sondern nur um die eigene Sicherheit. Es ist natürlich, dass man sich um die Sicherheit Sorgen macht und dies können wir von den gewählten Politikern auch erwarten.
Die Pauschalverurteilung der älteren Anwohner – zu denen mein Mann und ich inzwischen auch gehören – empfinden wir als Unverschämtheit wie sie ihres Gleichen sucht.

Es geht nicht darum, dass wir keine Flüchtlinge in unserer “ Roßdorf-Idylle“ haben wollen, sondern um eine menschenwürdige Unterbringung der Geflüchteten.

In diesem Kommentar sind nur nachteilige Dinge erwähnt, aber kein einziger guter Aspekt des Abends. Die Ausführungen von Pfarrerin Mattausch und die Aussage von Frau Link über die ins Leben gerufene „INITIATIVE“ für die Flüchtlinge sowie der Hinweis von Frau Solte, dass hier schon jetzt Sprachhilfe geleistet wird, wurde überhaupt nicht erwähnt.

Leserbrief

von Erika Czuday für die Bürgervereinigung Roßdorf e.V.

Dieser Leserbrief wurde nicht mehr von der Nürtinger Zeitung gedruckt, da nach telefonischer Auskunft vom 15.07.2016 das Thema bereits ausreichend in Leserbriefen behandelt wurde.

Inzwischen sind einige Leserbriefe zu diesem Kommentar in der Nürtinger Zeitung abgedruckt worden, auch einige von Menschen, die dem Kommentator zustimmen. Kurioserweise wohnen sie weit weg vom Roßdorf, waren vermutlich nicht auf der Bürgerversammlung und sind somit der negativen Sicht des Kommentators auf das Roßdorf und seine Bürger aufgesessen.

Viele haben selbst geschrieben, es gibt aber auch einige, die die Bürgervereinigung als so etwas wie die Vertretung der Roßdorfer sehen. Wir sind immer wieder darauf angesprochen worden, daß wir doch etwas machen sollten gegen diese Art der Verunglimpfung. U.a. kam die Forderung, wir sollten unsere Roßdorf-Post nicht mehr beim Senner-Verlag drucken lassen.

Hiermit wollen wir uns noch einmal als Bürgervereinigung Roßdorf e.V. im Namen vieler Roßdorfer gegen die Unterstellung der Fremdenfeindlichkeit aufs Schärfste verwahren. Die Roßdorfer sehen sich in keinster Weise durch die unsäglichen Flugblätter in ihrer Meinung vertreten. Das sieht man auch daran, daß diese Pamphlete direkt an die Polizei weitergeleitet wurden.

Wir wollen hier nicht die vielen Argumente aus den unterschiedlichsten Leserbriefen wiederholen. Wir können nur immer wieder sagen, daß es nicht mehr erlaubt ist, über Wohnbebauung derartige Hochspannungsleitungen zu ziehen, da mit gesundheitlichen Schäden zu rechnen ist. Aber darunter darf gebaut werden? Verstehe das, wer will. Wir jedenfalls können es nicht verstehen und setzen uns deswegen auch dagegen zur Wehr, setzen uns ein für Menschen, die keine andere Wahl haben, als in diese Unterkunft zu ziehen.

Daß die Roßdorfer Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur integrieren können, brauchen wir nicht mehr unter Beweis zu stellen, das kann jeder sehen, der mit offenen Augen durchs Roßdorf geht.